Claudias praktischer Ratgeber zur sozialen Arbeitswelt

Was ist sozial und fair?

Sozial und fair produzieren und handeln
Wie definieren Sie sozial und fair?

Fair for Life Social & Fair Trade Zertifizierungsprogramme bieten Produzenten und Händlern weltweit die Möglichkeit, sich auditieren und zertifizieren zu lassen zum Nachweis, dass die Produkte fair hergestellt und gehandelt werden, und ihre soziale Verantwortung zu zeigen.

 

Dabei werden Aspekte wie Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Gesundheit und Sicherheit, Löhne, Soziale Sicherheit und Leistungen, Arbeitsstunden und bezahlter Urlaub, regelmäßige Beschäftigung, soziale Verantwortung und Beziehungen zur Gemeinde, Umweltaspekte, Abfallmanagement, Gewässerschutz, Luftverschmutzung, Tierschutz geprüft.

 

Da es viele Länder gibt, wo Kinder mitarbeiten müssen, um die Familie zu ernähren, Arbeitsstunden nicht geregelt sind, es keine sozialen Leistungen z. B. bei Krankheit gibt, ist ein Unternehmen, das sich sozial engagiert ein großer Vorteil für die Menschen, die dort Arbeit finden.

 

Es liegt auf der Hand, dass fair hergestellte und gehandelte Produkte teurer sind. Aber es gibt immer mehr Menschen, die Wert darauf legen, zu wissen, wie das, was sie konsumieren, hergestellt und gehandelt wird und auch bereit sind, dafür zu zahlen, sofern sie es sich leisten können. Nachhaltigkeit ist ein großes Thema heutzutage.

 

In den industrialisierten Ländern sind die Arbeitsbedingungen und was damit zusammenhängt geregelt. 

 

Arbeitsschutz

In Deutschland ist der Arbeitsschutz gesetzlich geregelt, um Arbeitsunfälle zu vermeiden und die Gesundheit der Arbeitnehmer zu schützen.

 

Mutterschutz

Der Mutterschutz in Deutschland soll Mütter vor und nach der Geburt schützen. In der Schweiz sind die Bedingungen für Mütter bei weitem nicht so gut wie bei uns.

 

Kinderbetreuung

Dänemark, Frankreich und die Niederlande bieten deutlich bessere Angebote bei der Kinderbetreuung (der Link des Artikels funktioniert leider nicht mehr) an als Deutschland.

 

Familienfreundlichkeit

Hier liegen laut einem Bericht aus 2015 Österreich, Finnland und Schweden auf den ersten drei Plätzen, wenn eine Familie mit Kindern vorhat auszuwandern.

 

Betriebsrat

In größeren Firmen gibt es häufig einen Betriebsrat, der die Arbeitnehmer vertritt. Oder es gibt anstatt dessen einen Ombudsmann, der Ansprechpartner bei Problemen ist.

 

Bei uns gibt es andere Probleme als in Ländern, wo die erste Priorität die Ernährung der Familie und ein regelmäßiges Einkommen ist. Es geht mehr um die Work-Life-Balance, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen und motiviert sind.

 

Mobbing und Bossing

Beim Mobbing werden Mitarbeiter am Arbeitsplatz regelmäßig und wiederholt schikaniert und seelisch fertig gemacht. Geht das Mobbing vom Chef aus, spricht man von Bossing.

 

Innere Kündigung

Im Gegensatz zur äußeren Kündigung, wo der Arbeitnehmer tatsächlich kündigt, hat er bei der inneren Kündigung nur gedanklich gekündigt, weil er unzufrieden ist mit seiner Arbeit. Der Mitarbeiter ist demotiviert und zeigt nur wenig Einsatzbereitschaft.

 

Arbeiten 4.0

Durch die Industrialisierung und Digitalisierung hat sich unsere Arbeitswelt radikal verändert und eine interessante Entwicklung durchgemacht:

  • Arbeiten 1.0: Erste industrielle Revolution mit Entwicklung zur Massenproduktion durch Maschinen mit Wasser- und Dampfkraft.
  • Arbeiten 2.0: Zweite Industrielle Revolution durch die Einführung der Elektrizität.
  • Arbeiten 3.0: Dritte industrielle Revolution mit Automatisierung durch Elektronik und IT.
  • Arbeiten 4.0: Vierte industrielle Revolution mit zunehmender Digitalisierung.

Arbeitsprozesse konnten vereinfacht werden. Menschen wurden teilweise überflüssig, weil eine Maschine die Arbeit übernommen hat. Berufe sind weggefallen und neue entstanden. Fest steht, dass das Ende der Digitalisierung noch lange nicht erreicht ist. Man darf gespannt sein, ob es irgendwann ein Arbeiten 5.0 mit einer weiteren Errungenschaft geben wird.

 

Durch die Digitalisierung werden die Menschen auch in Generationen eingeteilt, denen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden:

  • Veteranen: Altersgruppe 1922 - 1945 (Interaktionen Face to Face).
  • Baby Boomer: Altersgruppe 1946 - 1964 (prägten den Begriff "Workaholic").
  • Generation X: Altersgruppe 1965 - 1980 (Arbeit zur Existenzsicherung).
  • Generation Y: Altersgruppe 1980 - 1999 (auch Millenials oder Digital Natives genannt, legen Wert auf Selbstverwirklichung und sind sehr gut vernetzt).
  • Generation Z: Altersgruppe 1999 - 2010 (Schwerpunkt auf Sicherheit und Stabilität).
  • Generation Alpha: Altersgruppe ab 2010 (streben nach wirtschaftlicher Sicherheit).

Die technischen Möglichkeiten haben in jeder Generation unterschiedliche Voraussetzungen geboten und dadurch auch die Arbeitswelt geprägt und die Vorstellung von Berufs- und Privatleben. Aber ob die zugesprochenen Eigenschaften immer passen,  bezweifele ich, da man Menschen nicht in Schubladen packen kann, dazu sind sie zu individuell, auch bei gleichen Voraussetzungen.

 

Arbeitssuche

Schauen wir uns an, worauf bei der Arbeitssuche geachtet wird. In XING wird im Menü Stellensuche folgende Frage gestellt "Was sollte Ihren nächsten Arbeitgeber auszeichnen?".

  • Berufliche Entwicklungsmöglichkeiten
  • Familienfreundliche Bedingungen
  • Kompetenz im Umwelt- oder Sozialsektor

Es werden jeweils die Anzahl der angebotenen Stellen angezeigt und darunter beliebte Arbeitgeber mit Job am Standort des XING-Mitglieds aufgeführt.

 

Bewertungen der Arbeitgeber werden anonym auf Kununu gemacht und verschiedene Bereiche werden abgefragt, die man nach Wohlfühl- und Karrierefaktor sortieren kann:

  • Mitarbeitervorteile wie z. B. flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Kantine, Essenszulagen, Kinderbetreuung, betriebliche Altersversorgung, Barrierefreiheit, Firmenwagen, Mitarbeiterhandy. 
  • Arbeitgeber-Bewertung wie z. B. Vorgesetztenverhalten, Kollegenzusammenhalt, Arbeitsatmosphäre, interne Kommunikation, Gleichberechtigung, Karriere & Weiterbildung, Gehalt & Zulagen, Umgang mit Kollegen 45+, Umwelt- & soziales Bewusstsein.

Wenn zusätzlich zur Bewertung auch Erfahrungsberichte von Mitarbeitern vorhanden sind, kann sich jemand, der auf Stellensuche ist, gut vorab informieren, ob der potentielle Arbeitgeber empfehlenswert ist oder nicht.

 

Bewerbungen

Viele Firmen machen nach der Bewerbung, die heute meist digital erfolgt, einen schlechten Eindruck, wenn es noch nicht einmal eine automatische Bestätigung über den Eingang der Bewerbung gibt und der Bewerber keinerlei Information erhält, wenn ein anderer Kandidat ausgewählt wurde. Nicht besonders sozial und fair, Menschen, die durch ihre Bewerbung ein Interesse am Unternehmen gezeigt haben, so geringschätzig zu behandeln. Dabei gibt es technisch ausreichend Möglichkeiten, den Bewerbungsprozess zu optimieren.

 

Dass wir mittlerweile statt Personalabteilung den englischen Begriff Human Resource Management (HRM) verwenden, die Mitarbeiter als "menschlichen Rohstoff" betrachten, gibt zu denken. "Personal" klingt doch sehr viel persönlicher. Schließlich sind wir trotz der technischen Möglichkeiten immer noch Menschen und wollen auch wie ein Mensch als Individuum behandelt werden.

 

Was frustriert Mitarbeiter?

  • Die ständige Erreichbarkeit und Vermischung von Berufs- und Privatleben dadurch.
  • Unter- oder Überforderung bei der Arbeit.
  • Ständiger Leistungsdruck und fehlende Anerkennung.
  • Keine Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung, fehlende Aufstiegschancen.
  • Ein schlechtes Arbeitsklima durch unzufriedene Mitarbeiter, Mobbing, Bossing.
  • Vorschlagswesen für Verbesserungsvorschläge. Die Ideen werden zwar prämiert aber nie umgesetzt, was äußerst demotivierend und frustrierend ist.

Was wünscht sich wohl jeder Arbeitnehmer?

  • Einen sicheren Arbeitsplatz im wörtlichen und übertragenen Sinn.
  • Ein angenehmes und gesundes Arbeitsklima, das nicht krank macht.
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf (flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, adäquate Kinderbetreuung).
  • Menschliche und finanzielle Wertschätzung. Da kann die Bezahlung noch so hoch sein, wenn der Job keinen Spaß macht, ist das frustrierend. Da kann der Job noch so viel Spaß machen, wenn die Bezahlung mies ist, frustriert das. Im Idealfall macht die Arbeit Spaß und das Gehalt ist auf die Arbeit abgestimmt.
  • Welche Eigenschaften eine brillante Führungskraft ausmachen wird hier sehr gut beschrieben.

Fazit

Ob ein Unternehmen sozial und fair produziert und handelt lässt sich zwar anhand einiger Faktoren beurteilen, aber ob ein Mitarbeiter sich dort auch wohlfühlt, hängt von individuellen und menschlichen Faktoren ab. Es ist ein Zusammenspiel von äußeren und inneren Faktoren, die für Mitarbeitermotivation und -zufriedenheit sorgen, da jeder Mensch seine beruflichen und privaten Prioritäten anders setzt.

 

Wie muss ein sozialer und fairer Arbeitgeber für Sie sein?

 

Ergänzung am 24.02.16

Interessante Dokumentation am 23.02.16 um 20.15 im ZDF „Wie gut sind unsere Chefs“.

Kommentare: 4 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Peter Ehrlich (Dienstag, 23 Februar 2016 07:55)

    Hallo Claudia,
    das ist wieder einmal ein interessantes Thama. Faire Arbeitgeber? Wann darf den ein Arbeitgeber fair sein? Solange wir als Konsumenten um einen Preis so lange feilschen, bis dieser nicht mehr die Stückkosten einfährt, sollten wir die Schuld nicht bei Arbeitgebern suchen. Eigentlich fängt dieser Prozess schon im Kleinkindalter an. Rolf hat ein großes Auto, das will ich auch haben. Beim Einkaufen sieht Rolf einen großen Bagger. Den will ich haben. Der wird auch gekauft. Zum nächsten Geburtstag gibt es dann eine Feuerwehr und ein Polizeiauto dazu. Schließlich ist es nicht Schick mit kleinen Geschenken aufzuwarten.
    Hier beginnt es, alles haben zu wollen. Damit man das auch alles bekommt, bleibt Qualität und fair Produziertes auf der Strecke. Fair produzierende Arbeitgeber müssen umdenken und das zur Strafe ihres Unterganges. Irgendwo ist der Arbeitgeber gezwungen zu sparen. Der Kunde darf davon nichts mitbekommen. Wo wird das sein?
    Viele Grüße Peter

  • #2

    Claudia (Dienstag, 23 Februar 2016 13:58)

    Hallo Peter,

    vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Da sprichst Du einen äußerst kritischen Punkt an. Stimmt, unser Konsumverhalten und unsere Einstellung, alles muss möglichst billig sein, machen die Preise für viele Arbeitgeber/Unternehmer kaputt, was Investitionen in den Betrieb oder die Mitarbeiter schwerer oder sogar unmöglich macht. Beim Personal wird dann gespart und Fairness und soziales Verhalten gegenüber den Mitarbeitern bleiben auf der Strecke. Auf der anderen Seite werden Skandale, z. B. in Produktionsstätten im Ausland, durch das Internet sehr schnell öffentlich und zum Shitstorm, was Umsatzeinbußen mit sich bringt und doch bei einigen (Unternehmern und Konsumenten) zum Umdenken und mehr Bewusstsein gegenüber den Menschen und der Umwelt führt.

    Viele Grüße
    Claudia

  • #3

    Nicolas Scheidtweiler (Mittwoch, 24 Februar 2016 08:17)

    Fairness ist der falsche Begriff für Geschäftsverhältnisse. Und das ist ein Arbeitsverhältnis. Es st ein Austausch von Leistungen. Diese können sich unterschiedlich darstellen.
    Der Arbeitgeber erhält Wissen, Kompetenzen, Arbeitskraft und Perspektiven. Der Mitarbeiter erhält Geld, Werte, Unternehmenskultur und Sicherheit. Das muss verhandelt werden.
    Ein guter Vertrag erfüllt die gegenseitigen Bedürfnisse. Dann entsteht Zufriedenheit.

  • #4

    Claudia Dieterle (Mittwoch, 24 Februar 2016 14:02)

    Hallo Herr Scheidtweiler,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, dass ein Arbeitsverhältnis einem Geschäftsverhältnis gleicht. Es wird eine Leistung eingekauft und dafür bezahlt. Aber der Begriff "Fairness" ist für mich durchaus passend. Der Grundgedanke von Fair Trade ist ein fairer und gerechter Handel zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern zur Existenzsicherung der Kleinbauern. Jeder Mitarbeiter möchte, auch in industrialisierten Ländern, fair behandelt und bezahlt werden. Es gibt eine menschliche Seite, wo z. B. das Betriebsklima und die Führungskompetenzen dazu zählen, und eine sachliche Seite, z. B. Arbeits- und Mutterschutz, Arbeitszeit, Gehalt. Die Rahmenbedingungen werden in einem Vertrag geregelt. Dabei haben beide Seiten Verpflichtungen. Aber nicht immer halten sich beide Seiten an die vertraglichen Verpflichtungen. Ist es fair, wenn jemand ganztags arbeitet, aber trotzdem nicht davon leben kann? Ist Ausbeutung oder Kinderarbeit fair? Ist es fair, wenn jemand aus Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, unbezahlte Überstunden leistet? Nein. Ein guter Vertrag ist keine Garantie für Zufriedenheit, wenn sich nicht beide Seiten daran halten. Es geht in der Arbeitswelt leider nicht immer fair/gerecht zu.

    Freundliche Grüße
    Claudia Dieterle