Claudias praktischer Ratgeber zu Cliffhangern

Was bringen Cliffhanger?

Cliffhanger spannend und frustrierend zugleich
Erhöhen Cliffhanger die Spannung?

Ende letzten Jahres erhielt ich das Buch Das Vermächtnis des Vaters zur Rezension. Es ist der 2. Band der 7-teiligen Chronik "Die Clifton Saga" von Jeffrey Archer. Das Buch begann mit einer Verhaftung (dem Ende des 1. Bands) und endete mit einer Gerichtsverhandlung. Das 1. Buch mit Cliffhanger, das ich gelesen habe. Obwohl ich Band 1 nicht gelesen hatte, war es trotz der fehlenden Vorgeschichte kein Problem, den Inhalt zu verstehen. Eine Hilfe war auch der Stammbaum der Familie Clifton vorn im Buch, was ich sehr schätze, wenn es in einem Buch viele Charaktere gibt, um den Überblick zu behalten.

 

Da Jeffrey Archer einer meiner Lieblingsautoren ist, habe ich im Anschluss auch den 1. Band gelesen. Und mittlerweile auch Band 3 - 6. Band 7, der letzte, erscheint im November 2016: 

  1. Only time will tell (Spiel der Zeit)
  2. The sins of the father (Das Vermächtnis des Vaters)
  3. Best kept secret  (Erbe und Schicksal)
  4. Be careful what you wish for (Im Schatten unserer Wünsche)
  5. Mightier than the sword (Die Wege der Macht)
  6. Cometh the hour (Möge die Stunde kommen)
  7. This Was a Man (Winter eines Lebens)

Alle Bände enden offen im spannendsten Moment mit einem Cliffhanger (einer Verhaftung, Gerichtsverhandlung, einem Autounfall, der Explosion einer Bombe, einem Schuss). Und wer schon mal ein Buch von Jeffrey Archer gelesen hat, weiß, dass er ein Meister des Spannungsaufbaus ist. Zum Schluss kann man das Buch kaum weglegen, weil man unbedingt wissen möchte, wie es weiter geht, um dann am Ende noch nicht mal von seiner Spannung erlöst zu werden. Ein Cliffhanger (englisch = Klippenhänger) wird laut Wikipedia hauptsächlich mit Fernsehserien, Seifenopern oder auch fortgesetzten Kinofilmen assoziiert und steht für den offenen Ausgang einer Episode auf ihrem Höhepunkt, mit Antwort in der nächsten Episode. Seinen Ursprung hat der Begriff in dem Roman "A Pair of Blue Eyes" von Thomas Hardy aus dem Jahr 1873, der als monatliche Serie in einer Zeitschrift erschien, und einer Szene in den Steilhängen am Bristol Channel, wo sich Henry Knight nur noch an einem Büschel Gras festhalten kann, um nicht in den sicheren Tod zu stürzen. Durch die Cliffhanger-Szene wurde der Leser an den Fortsetzungsroman gebunden, weil die Auflösung der Spannung erst in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift/Zeitung zu erfahren war, eine Methode der Kundenbindung, die viele Nachahmungen fand. Bekannte Filme mit Cliffhanger sind "Der Herr der Ringe", "Harry Potter", "Star Wars" oder "Zurück in die Zukunft".

 

Ein weiteres Beispiel mit Cliffhanger ist die "Emma Harte Saga" von Barbara Taylor Bradford:

  1. A woman of substance (Des Lebens bittere Süße)
  2. Hold the dream (Bewahrt den Traum)
  3. To be the best (Und greifen nach den Sternen)
  4. Emma's secret (Emmas Geheimnis)
  5. Unexpected blessings (Ein Geschenk des Schicksals)
  6. Just rewards (Am Ende wartet die Liebe)
  7. Breaking the rules (Breaking the rules = Die Regeln brechen)

Der erste Band erschien 1979 und beschrieb die Geschichte der 14-jährigen Emma Harte ab 1904, die ihrer Zeit weit voraus und ein beeindruckender Mensch war. 1984 gab es eine Miniserie. Emma Harte spielte auch nach ihrem Tod in allen Bänden eine wichtige Rolle durch ihr Erbe und die Werte, für die sie stand. Es ging es um Familiengeheimnisse, -streitereien und -intrigen. Der sechste Band endete vollkommen überraschend für mich mit einem Cliffhanger, als sich am Ende herausstellte, dass der Erzfeind der Familie doch nicht tödlich verunglückt ist und der Leser ahnen konnte, dass er weiter sein Unwesen treiben wird, um der Familie zu schaden. In 2009 gab es dann den bisher letzten Band, der meine Erwartungen überhaupt nicht erfüllte. Manche Themen sind irgendwann ausgereizt und die Geschichte erzählt. Da hilft auch ein Cliffhanger nichts, wenn der Spannungseffekt nicht das hält, was er verspricht.

 

Das Phänomen des Cliffhangers wurde auch schon untersucht und nach einer Mitarbeiterin der Forschungsgruppe Bluma Zeigarnik Zeigarnik-Effekt genannt, bei der mit Experimenten nachgewiesen wurde, dass man sich unter bestimmten Voraussetzungen an unterbrochene Handlungen besser erinnert als an vollendete. Allerdings konnte der Effekt nicht repliziert werden, weshalb das Phänomen als umstritten gilt.  Und trotzdem scheint der Cliffhanger eine große Wirkung zu haben, wird bei Büchern, Filmen und Fernsehserien immer wieder eingesetzt. Gegen Ende des Buchs oder Films ist die Spannung am größten und wird erst in der nächsten Folge aufgelöst, um dann wieder mit einem Spannungseffekt zu enden. Wenn man sich anschaut, wie viele tausend Folgen manche Daily Soap schon hinter sich hat, scheinen die Zuschauer genau wegen dieser Taktik jede neue Folge über Monate oder Jahre anzuschauen. Aber es gibt auch Serien, die irgendwann abgesetzt wurden, weil nichts Neues mehr geboten wurde und die Zuschauerzahlen nicht mehr den Erwartungen entsprachen (z. B. die US-amerikanischen Fernsehserien "Dallas" oder "Der Denver-Clan"). Ein Erfolgsgarant ist der Cliffhanger deshalb nicht.

 

Aber ist es wirklich nur die Spannung zum Schluss, die uns veranlasst, die Fortsetzung zu lesen oder anzuschauen?

 

Wer kennt sie nicht die Sissi-Trilogie? Nach dem Erfolg des ersten Films in 1955, gab es zwei weitere in 1956 und 1957 mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm. Wahrscheinlich wäre auch ein vierter Teil zum Kassenschlager geworden, wenn Romy sich nicht geweigert hätte. Und die Filme endeten nicht mit Cliffhangern, Sissi bzw. die Geschichte der österreichischen Kaiserin Elisabeth sprachen einfach die Herzen der Menschen an.

Oder nehmen wir den Kinofilm "Pretty Woman" mit Julia Roberts und Richard Gere. Der Film endete mit Happy End und es gab viele Menschen, die sich eine Fortsetzung wünschten.  Das neue Traumpaar drehte zwar nochmal zusammen "Die Braut, die sich nicht traut", aber es war keine Fortsetzung von "Pretty Woman". Auch ein guter Film, aber bei weitem nicht so ein Kultfilm wie der erste. Aber die Alltagsprobleme, die Edward Lewis und Vivian Ward nach der Hochzeit gehabt hätten, wären vielleicht weniger romantisch gewesen. Nicht nur Spannung, sondern auch Romantik und Gefühle regen uns zum Träumen an und sprechen uns an.

 

Oder nehmen wir die weltbekannten 7 Bände Harry Potter der englischen Schriftstellerin Joanne K. Rowling, die seine Geschichte von elf Jahren bis er fast erwachsen ist, erzählen, und auch mit großem Erfolg verfilmt wurden. Eine Fantasy-Roman-Reihe, die Jung und Alt im wahrsten Sinne des Wortes magisch begeistert hat. Zauberei, Magie oder Parallelwelten üben eine Faszination auf uns aus und sprechen uns genauso an.

 

Aber auch Abenteuer von Piraten (z. B. "Fluch der Karibik") oder im Weltraum (z. B. "Star Wars") fesseln uns in Filmen und Büchern. Wir wollen wissen, was noch alles passiert, wenn wir mit den Helden spannende Abenteuer erlebt haben, und eine Fortsetzung im Kino/Fernsehen oder als Buch herauskommt.

 

Oder schauen wir uns noch ein paar der zahlreichen Fernsehkrimi-Serien an:

  • "Tatort", wo seit 1970 mit verschiedenen Ermittlern (meistens Duos) in diversen Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz ermittelt wird. 
  • "Derrick", die meistverkaufte deutsche Serie der Fernsehgeschichte, die weltweit in über 100 Ländern ausgestrahlt wurde, und von 1974 bis 1998 lief.
  • "Der Alte", der 1977 startete und bis 2016 bisher vier  Hauptkommissare hatte.
  • Die Sonderkommissionen "SOKO", die in München, Köln, Wismar, Stuttgart, Kitzbühel, Wien und Leipzig seit 1978 ermitteln.
  • "Ein Fall für zwei" von 1981 - 2013, wo es immer nur den einen Privatdetektiv Matula gab, aber nacheinander vier verschiedene Anwälte. 2014 wurde eine Neuauflage gestartet.

Bei Krimis ist der Spannungseffekt am Anfang. Es geschieht ein Verbrechen (meistens ein Mord), das aufgeklärt wird und mit einer Festnahme endet. Was macht den Erfolg solcher Serien aus, die jahrelang laufen? Interessante und spannende Ermittlungen, aber auch die Persönlichkeit der Ermittler spielen eine Rolle, wenn oft bis zum Schluss unklar ist, wer der Täter ist. Sobald die Zuschauerzahlen sinken, weil sich die Fälle wiederholen, alles vorhersehbar wird, unternimmt der Sender noch Versuche mit Austauschen der Schauspieler (oft eine radikale kontraproduktive Verjüngungskur), um die Serie wieder zum Erfolg zu führen. Wenn das scheitert, wird sie eingestellt.

 

Es gibt sowohl Bücher als auch Filme, die auch ohne Cliffhanger sehr viele Menschen erreichen. Bestes Beispiel sind die Filme von Rosamunde Pilcher und Inga Lindström im Sonntag Abendprogramm, die, sofern es kein Mehrteiler ist, der natürlich auch immer im spannendsten Moment endet, immer einen glücklichen Ausgang haben (beim Mehrteiler dann eben erst nach 2 - 4 Teilen). Nach den üblichen Eifersuchtsszenen, Missverständnissen und Intrigen findet sich das Pärchen garantiert zum Schluss. Hier gibt es keine Spannung sondern Entspannung zum Schluss.

 

Spannung, Gefühle, Magie und Abenteuer fesseln uns, regen unsere Fantasie an und machen uns neugierig, wie es wohl weitergeht. Aber wenn wir im Film oder Buch in eine andere Welt eintauchen, ein Bild in uns entsteht, kann ein Spannungseffekt zum Schluss auch frustrierend sein. Wenn der Held am Abhang hängt und wir nicht wissen, ob er überlebt, warten wir ungeduldig auf die Fortsetzung, haben eine hohe Erwartung, die unter Umständen in der Fortsetzung nicht erfüllt wird, und sind maßlos enttäuscht. Bei Daily Soaps wird die Spannung meist recht schnell aufgelöst, um uns zum Schluss wieder mit einem neuen Spannungsmoment zum Weiterschauen zu animieren. Bei Büchern müssen wir oft länger auf die Fortsetzung warten, da ist ein Cliffhanger wie z. B. eine Verhandlung, die vertagt wird, weil die Geschworenen sich nicht einig sind, äußerst unbefriedigend.

 

Wenn sich das Warten dann nicht gelohnt hat, ist es ähnlich wie beim Clickbaiting (englisch = Klickköder), laut Wikipedia eine  reißerische Überschrift, die eine sogenannte Neugierlücke (englisch = curiosity gap) lässt. Der Leser erhält gerade genügend Informationen, um seine Neugierde zu wecken, aber nicht ausreichend, um sie zu befriedigen. Sowohl das Clickbaiting als auch der Cliffhanger haben den Zweck, (mehr) Menschen zu erreichen. Sie können beide Neugier und hohe Erwartungen wecken und nicht immer halten, was sie an Spannung versprechen.

 

Fazit

Fest steht, dass es durch ein Überangebot an allem immer schwieriger wird, Aufmerksamkeit zu wecken und zu halten. Was sich bewährt, wird gerne kopiert, oft so lange, bis es keine Wirkung mehr zeigt. Erledigte Dinge sind für mich vollendet und abgehakt und deshalb auch irgendwann "vergessen". Während mir unerledigte Dinge bis zur Erledigung im Gedächtnis bleiben, da ich noch etwas tun muss. Ein offenes Ende beschäftigt mich, da ein Buch oder Film für mich eine Geschichte mit Anfang und Ende ist bzw. sein sollte. Ich ziehe einen "richtigen Schluss" vor, habe aber nichts gegen eine Fortsetzung, wenn mir die Charaktere und die Handlung gefallen haben. Schließlich geht es nach dem "Happy End" (z. B. einer Hochzeit) noch weiter und bietet Stoff für weitere Folgen. Ein offenes Ende ohne Fortsetzung mag ich überhaupt nicht.

 

Mir hat es bei der Clifton Saga überhaupt nicht gefallen, dass jedes Buch mit einem Cliffhanger endete. Ich habe auch überlegt, mir die weiteren Bände deshalb nicht zu kaufen. Aber da Jeffrey Archer wie erwähnt einer meiner Lieblingsautoren ist und mich bisher noch nie enttäuscht hat, habe ich mir doch nach und nach alle erhältlichen Bände gekauft. Im November 2016 ist die Veröffentlichung des siebten und letzten Bands (hoffentlich mit richtigem Ende).

 

Und was halten Sie von Cliffhangern?

Kommentare: 2 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Alexa (Montag, 24 Oktober 2016 09:40)

    Hallo Claudia,

    also ich persönlich finde Cliffhanger als Stilmittel spannend und interessant - wenn sie richtig eingebunden und auch angebracht sind.

    Gestern zum Beispiel hatte ich wieder die Begegnung mit einem Cliffhanger in einer Serie.
    Am Ende der Staffel sieht man nur, dass jemand aus der Gruppe erschossen wird - und bam!
    Folge vorbei, Staffel-Ende!

    Gott sei Dank kommt heute schon die neue Folge der nächsten Staffel! ;)

    Der Clue an solch einem "gut gemachten" Cliffhanger: Wir Menschen denken in dieser Situation nach, warum wir verwirrt sind. Es fördert unsere Kreativität und wir versuchen uns auszumalen, wie es denn weitergehen könnte.

    Gerade in Büchern, Filmen und Serien ist es ganz extrem, denn im Laufe einer Geschichte bauen wir unsere ganz eigene Beziehung zu den einzelnen Charakteren auf. Und wir wollen natürlich auch wissen, wie es mit ihnen weitergeht.

    Insgesamt, wie du auch schon angesprochen hast, finde ich persönlich, dass dieses Stilmittel in Maßen verwendet werden sollte und eben nicht am Ende jeder Folge, jedes Buches oder jedes Artikels. Somit bleiben Spannung, Gefühle und Ideen frisch und aktiv verankert!

    Danke für diesen Beitrag!

    Liebe Grüße
    Alexa

  • #2

    Claudia (Montag, 24 Oktober 2016 13:41)

    Hallo Alexa,

    vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich finde auch, dass Cliffhanger spannend und interessant sein können, und es stimmt, dass wir dadurch zum Denken gebracht werden und unsere Fantasie angeregt wird. Aber sie können auch frustrierend sein.

    Viele Grüße
    Claudia