Claudias praktischer Ratgeber zur Selbstachtung

Selbstachtung, Wertschätzung und Anerkennung

Die Bedeutung von Wertschätzung für die Selbstachtung
Was ist Selbstachtung und wie entsteht sie?

Eine liebevolle Kindheit, Geborgenheit und Sicherheit sind für alle Menschen wichtig. Nur so kann aus einem Kind ein Erwachsener mit Selbstachtung werden, der sich selbst respektiert und akzeptiert. Denn aus der Selbstachtung entstehen ein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen.

 

Laut dem Diplom-Psychologen Dr. Rolf Merkle sind die Ursachen einer geringen Selbstachtung wie folgt:

  • Erfahrungen im Elternhaus: Kinder versuchen emotionale Ablehnung ihrer Eltern zu vermeiden durch Anpassung ihres Verhaltens, in dem sie sich an Regeln und Verbote halten.
  • Der Gedanke, das zu sein, was man getan hat, z.B. dumm, wenn man etwas Dummes getan hat.
  • Oder nur dann gut zu sein, wenn man etwas Gutes tut, und im Umkehrschluss schlecht zu sein, wenn man etwas Schlechtes tut.
  • Bestimmte Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Gefühle sollen schlecht sein, wir fühlen uns deshalb unvollkommen und minderwertig.
  • Kinder wollen nicht wie ihre Eltern sein, haben aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, wenn sie es anders machen. 
  • Die Liebe der Eltern wird von der Erfüllung von Forderungen abhängig gemacht.

Daraus haben Kinder zwei Dinge gelernt:

  1. dass Liebe und Zuwendung verdient werden muss.
  2. dass sie nur unter bestimmten Bedingungen liebenswert sind.

Minderwertigkeitsgefühle bzw. Selbstablehnung drücken sich laut Dr. Rolf Merkle wie folgt aus:

  • Sie glauben es nicht, wenn andere sagen, dass sie sie mögen.
  • Sie werden rot bei Komplimenten oder wenn sie im Mittelpunkt stehen.
  • Sie nehmen Lob nicht positiv auf und verweisen auf ihre Schwächen.
  • Sie setzten sich hohe und unerreichbare Ziele und fühlen sich minderwertig bei Nichterreichung.
  • Sie sind Perfektionisten, freuen sich nicht über ein erreichtes Ziel, sondern denken sofort an das nächste Ziel.
  • Erfolge werden mit Zufall und Glück begründet. Misserfolge mit dem Gedanken, ein Versager zu sein.
  • Sie sind leicht kränkbar und verletzbar.
  • Sie beziehen negatives Verhalten auf sich und ziehen den Schluss, der andere hat etwas gegen sie.

Niemand wird mit einer gesunden Selbstachtung geboren. Diese muss sich erst entwickeln. Das heißt aber auch, wir sind von Anfang an von anderen abhängig. Hört diese Abhängigkeit irgendwann auf? Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen und die Frage stellt sich, ob eine gute Selbstachtung ausreicht oder Wertschätzung und Anerkennung von Dritten notwendig ist, um die Selbstachtung zu bestätigen bzw. zu erhalten.

 

Aber schauen wir uns erst die Definition bzw. den Unterschied zwischen Wertschätzung und Anerkennung an.

Wertschätzung ist laut Wikipedia die positive Bewertung eines anderen Menschen, die auf auf eine innere allgemeine Haltung anderen gegenüber gründet. Sie betrifft einen Menschen als Ganzes und ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung einer Person und damit die Wertschätzung beeinflussen.

Anerkennung bedeutet laut Wikipedia die Erlaubnis einer Person oder einer Gruppe gegenüber einer anderen Person, Gruppe oder Institution, sich mit ihren derzeitigen spezifischen Eigenschaften an der Kommunikation, an Entscheidungsprozessen oder anderen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen, und wird auch als Synonym für Akzeptanz, Lob oder Respekt verwendet. Gegenseitige Anerkennung gilt als notwendig für jede Art von beruflichem und privaten Zusammenleben. Bei fehlender Anerkennung wird jemand leicht zum Außenseiter.

 

D. h. die Selbstachtung kommt von innen, während die Wertschätzung und die Anerkennung von außen kommen.

 

Schauen wir uns zur Veranschaulichung ein paar Beispiele an.

 

Wer meistens im Vordergrund steht:

  • In der Musik der Interpret oder die Band, während Texter und Komponist oft unbekannt sind.
  • Bei Filmen die Schauspieler, während Regisseur, Produzent, Maskenbildner, Kameraleute, etc. zwar im Abspann erwähnt werden aber meist nicht bekannt sind.
  • Bei Abteilungen, Projekten, Teams, etc. der Leiter, während die Arbeit aller übrigen Beteiligten oft nicht richtig wahrgenommen, erwähnt oder anerkannt wird.

Ist es nicht frustrierend, bei der Produktion eines Hits oder Filmklassikers mitzuwirken, in einem Team zu arbeiten und ein anderer steht im Rampenlicht?

 

Menschen, die sich privat engagieren:

  • Viele Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder, eventuell die Pflege von Angehörigen, sind berufstätig und halten dem Partner den Rücken frei, damit er Karriere machen kann. Die Redewendung "Hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau.", deren Ursprung unbekannt ist und die als feministischer Slogan übernommen wurde, drückt sehr gut aus, dass die Frau dahinter, eine große Bedeutung hat. Frauen, die ihren Beruf komplett aufgeben und sich ausschließlich um Haushalt und Familie kümmern, werden oft belächelt und sind in der Situation, sich rechtfertigen zu müssen, dass sie nicht arbeiten gehen. Umgekehrt werden Mütter, die recht schnell nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten auch als "Rabenmütter" bezeichnet. Dabei kann man nicht pauschal sagen, was für Kinder besser ist, wichtig ist, dass es der Mutter auch gut geht. Hier fehlt oft die Anerkennung und Wertschätzung von außen, oder auch das Verständnis, eine andere Lebenseinstellung zu akzeptieren und respektieren.
  • Aber im Zuge der Gleichberechtigung gibt es auch genügend Beispiele, wo die Rollenverteilung umgekehrt ist. Männer sind Hausmann, kümmern sich um die Kinder, weil die Frau mehr verdient. Sie gehen in Elternzeit. Hier haben oft die Männer das Problem, dass sie belächelt, nicht für voll genommen werden und ihre Arbeit zu Hause von der Gesellschaft nicht geschätzt wird. Männer und Frauen, die für ihre Kinder pausieren oder die Arbeitszeit kürzen, erleben oft einen Karriereknick, weil ein familiärer Einsatz nicht immer geschätzt wird, obwohl eine ausgewogene Work-Life-Balance für ein erfolgreiches Berufsleben wichtig ist.
  • Einige gehen ehrenamtlichen Tätigkeiten nach wie Elternsprecher in Kindergarten oder Schule, Engagement im Förderverein in Schulen, Tätigkeiten in Vereinen, Betreuung von Kindern oder alten Menschen über gemeinnützige Organisationen.

Gerade im privaten und sozialen Bereich gibt es zahlreiche Menschen, die im Hintergrund sehr viel leisten, damit es einfach läuft. Es gibt viele undankbare Aufgaben, die viel Arbeit machen und nicht immer mit Wertschätzung belohnt werden. 

 

Die Arbeitswelt:

  • Wie ist es für Menschen, die quasi im dunklen Keller arbeiten, nicht richtig wahrgenommen werden, während andere im Mittelpunkt stehen? Wie ist es zu wissen, eine gute Arbeit geleistet zu haben, wenn ein anderer dafür die Lorbeeren kassiert?
  • Reicht es, dass die Arbeit Spaß macht oder die finanzielle Seite passt oder der Chef die Arbeit schätzt? Was ist, wenn die Arbeit zwar Freude bereitet oder die Anerkennung des Vorgesetzten vorhanden ist, aber das Geld nie reicht? Kompensiert ein hohes Gehalt einen Chef, der ständig kritisiert und nie zufrieden ist?

Es reicht nicht, selbst zu wissen, dass man gut arbeitet. Nur finanzielle oder nur menschliche Wertschätzung reichen ebenso wenig. Gerade in der Arbeitswelt denke ich, dass es ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren ist, ob Arbeitnehmer zufrieden sind oder nicht und da ist Wertschätzung und Anerkennung von den Vorgesetzten äußerst wichtig.

 

Hier noch eine eindrucksvolle Geschichte, die zu denken gibt:

Ein Professor händigte seinen Studenten in den ersten Wochen an der US-Hochschule einen Fragebogen aus, der eine Art Quiz war über ihre Motivation dort zu studieren. Dabei gab es gemischte Fragen, u. a. auch zur Uni selbst. Aber die letzte Frage fiel aus dem Rahmen: "Wie heißt die Frau mit Vornamen, die regelmäßig diesen Hörsaal reinigt?"

Nach Abgabe des Fragebogens stellte einer der Studenten dem Professor diese Frage dazu: "Wird diese Frage Einfluss auf die Gesamtnote am Ende des Semesters haben?" Der Professor antwortete: "Absolut. In Ihrer Karriere werden Sie einen Haufen Leute kennen lernen. Und alle werden sehr wichtig sein. Und ich meine wirklich ALLE. Jeder einzelne davon verdient Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Zuwendung – zumindest aber ein Lächeln." 

Der Student vergaß diese Lektion nie und auch den Namen der Putzfrau nicht, nach dem er sich danach bei ihr erkundigte. Sie hieß Dorothy.

 

Diese Geschichte beschreibt sehr gut, wie wichtig es ist, seine Mitmenschen wahrzunehmen, zu respektieren und zu schätzen. Eine Frage zum Thema: Kennt jemand den Menschen, der früh morgens die Zeitung bringt?

 

Fazit

Wir können nicht alle dieselbe Vorstellung von unserem Leben haben, es wird immer unterschiedliche Betrachtungsweisen geben, die es zu akzeptieren gilt. Ein freundliches Miteinander statt ein feindliches Gegeneinander bringt uns allen viel mehr. Je mehr Selbstachtung jemand besitzt, desto weniger ist er/sie auf Wertschätzung und Anerkennung von Dritten angewiesen. Es gibt Menschen, die sich nicht gut selbst "verkaufen" können und oft eine höhere Leistung erbringen als jemand, der sich gut "verkaufen" kann. Aber unsere Selbstachtung kann auch ins Wanken geraten durch Dritte und wir zweifeln an uns, hoffentlich nur zeitweise, bis wir uns wieder fangen. Ideal wäre es, wenn jeder Selbstachtung besitzt und zusätzlich Wertschätzung und Anerkennung erhält.

 

Welche Rolle spielen für Sie Wertschätzung und Anerkennung für die Selbstachtung? 

Kommentare: 2 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Peter (Montag, 21 November 2016 08:09)

    Hallo Claudia,

    Ein gut recherchierter Beitrag. Selbstachtung ist im Leben sehr wichtig. Es ist aber auch wichtig Verantwortung dafür zu übernehmen, was man gesagt oder getan hat. Das geht nur, wenn man konsequent ehrlich zu sich selbst ist. Gegenüber seinen Mitmenschen ist jedoch nur so viel Ehrlichkeit notwendig, bis die Interessen beider gewahrt werden. Mit anderen Worten, ich denke, auch die Selbstachtung ist von Wertschätzung und Anerkennung im Gewissen Sinn abhängig. Wer diesem Umstand zu wenig Beachtung schenkt, neigt schnell zur Selbstüberschätzung.

    Viele Grüße
    Peter

  • #2

    Claudia (Montag, 21 November 2016 14:15)

    Hallo Peter,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Das sind zwei wichtige Punkte, die Du erwähnt hast, die Verantwortung für das, was man sagt und tut, zu übernehmen, und ehrlich sich selbst gegenüber zu sein. Ich denke, dass Selbstachtung, Wertschätzung und Anerkennung nicht für sich betrachtet werden können, es ist ein Zusammenspiel.

    Viele Grüße
    Claudia